Stadttheater Giessen
    Des Malers Farbgewalt adäquat umgesetzt

    Des Malers Farbgewalt adäquat umgesetzt


    Sinfoniekonzert im Stadttheater mit Werken von Bach, Mozart und Hindemith – Junger Cellist Arthur Hornig beeindruckt


    Eine Programmkombination, wie man sie unter Carlos Spierers Ägide in Sinfoniekonzerten noch nicht erlebt hat, ergab am Dienstagabend trotz des ungünstigen Wetters ein annähernd volles Stadttheater: Das Philharmonische Orchester präsentierte seit langer Zeit wieder einmal Bach und Mozart auf der Konzertbühne, und Paul Hindemiths farbenreiches Werk »Mathis der Maler« wurde mit großem Interesse erwartet. Ein Tribut an die Vorweihnachtszeit war die eröffnende Suite für Orchester Nr. 3 D-Dur BWV 1068 von Johann Sebastian Bach mit ihrem Trompetenglanz und dem streicherseidigen, schwebenden Air – eigentlich so recht geeignet für festliche und besinnliche Momente. Und dann Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie Nr. 35 D-Dur KV 385, die »Haffner-Sinfonie«.
    Vorab gesagt: Es zeigte sich wieder einmal, dass Bachs Musik sehr empfindlich ist, was Interpretationsfragen betrifft. Von Mozart ganz zu schweigen. Leider erfüllte die erste Hälfte des Abends in weiten Teilen nicht die Erwartungen der Musikfreunde. Die Ouvertüre in der Bach-Suite nahm Spierer tempomäßig und strichtechnisch recht breit – für einen Auftakt bot sie zu wenig Spannung; ungewohnte Unsauberkeiten bei den Violinen störten zudem. Hier wie in den übrigen Sätzen fiel die gleichförmig gehandhabte Agogik, etwa die Rubati vor den Schlussakorden, ungünstig auf. Erst in den beiden Gavotten stellte sich der Eindruck von konzentriertem Musizieren ein. Bourree und Gigue gelangen kompakt und dynamisch. Die insgesamt opulente Wiedergabe blieb jedoch in vielerlei Hinsicht unbefriedigend. Ist das Orchester nicht mehr an Bach gewöhnt? Oder sind es die Hörgewohnheiten des Publikums, die sich seit Harnoncourts Zeiten zunehmend an präsenteren Klangbildern orientieren?
    Mozarts Haffner-Sinfonie erfuhr eine zupackende, plastische Realisierung, die allerdings wenig Wert auf feinere Nuancen legte. Nicht gerade »con spirito«, sondern eher etwas polterig geriet das Eingangs-Allegro. Das Andante wirkte geradlinig mit exakt artikulierenden Violinen; die Schlussbetonung jedoch etwas aufgesetzt. Nach dem behäbig musizierten Menuett dann der erstaunliche Kontrast im Schlusssatz: Präzise und straff musiziert – besonders die Streicher hatten einen Parforceritt zu absolvieren –, und aus dem Presto wurde ein Prestissimo! Ein Mozart von der vitalen Seite, aber mit kaum Eleganz.
    Nach der Pause stellte sich in der Reihe »Auftakt« wieder ein Student der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst vor. Der 23-jährige Cellist Arthur Hornig aus dem nordhessischen Hofgeismar spielte den anspruchsvollen 1. Satz aus Josef Haydns Cellokonzert D-Dur, absolutes Maß für alle Cellisten. Bogentechnik, virtuose linke Hand, knifflige Intonation zwischen Virtuosität und Emotionalität – all das imponierte in der stilsicheren Darbietung, die das Ensemble mit zurückhaltender Noblesse begleitete. Selbst eine kleine Unsicherheit in der hochgradig schwierigen Doppelgriff-Kadenz konnte man über dem hohen Niveau vergessen, mit dem dieser bereits arrivierte, vielfach mit Preisen geehrte Jung-Star die Hörer beglückte.
    Beglückend auch das Niveau der Interpretation von Hindemiths »Mathis der Maler«. Der Komponist nannte das Werk »Sinfonie«, es ist aber gleichermaßen eine Tondichtung – besonders genussreich für den, der Matthias Grünewalds Isenheimer Altar vor Augen hat. Eine eindringliche Schilderung, die Melodik mit Dissonanzen verflicht in teils wild bewegter Musik zwischen Volksliedthemen, Choralgesängen, Fugenanklängen und expressivem Schlagzeug, mit innigen Bläsersoli und assoziationsreicher
    Instrumentierung. Etwa in den sakralen Anklängen beim einleitenden »Engelskonzert« mit seiner fließenden Melodik, den gedeckten Farben in der »Grablegung«, wenn die Geigen mit Dämpfer spielen, Flöte und Oboe lichte Züge geben und das Ensemble im blechbetonten Crescendo zum harmonischen Schluss hinführt. Ein Höhepunkt natürlich »Die Versuchung des heiligen Antonius« mit den wimmelnden Eindrücken zwischen Geigentremoli, ruhiger Flötenmelodie oder abrupten Fortissimo-Abbrüchen. Hier gab das Orchester alles her, was Farbe produziert, und erreichte eine bildstarke Wiedergabe. Und sein Chef am Pult zeigte, welche Art Musik ihm besonders liegt. Das Publikum wusste das zu schätzen und spendete herzlichen Beifall.
    Olga Lappo-Danilewski, 09.12.2010, Gießener Allgemeine Zeitung